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Israel: Schwule und Lesben in der Armee

„Die Diskriminierung ist beendet“, erklärte die Armee-Zeitung „baMachane“ (Im Feldlager) 1993. Der Artikel bezog sich auf die Entscheidung der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (ZAHAL), die Befreiung vom Armeedienst für Homosexuelle aufzuheben. „Eine legitime sexuelle Neigung“, nannte damals ein hochrangiger Offizier die Homosexualität – eine Aussage, die heute selbstverständlich klingen mag, damals jedoch als mutig gelten konnte…

Vierzig Jahre zuvor, Anfang der 1950er Jahre, waren noch zwei Soldaten von einem Militärgericht zu einem Jahr Haft verurteilt worden, weil sie „auf unnatürliche Weise“ miteinander verkehrt hätten. Ihr Verteidiger (!) hatte in dem Prozess darauf plädiert, Homosexualität nicht als Verbrechen sondern als Krankheit zu werten.

1983 wurden Homosexuelle in der Armee auf Anordnung des Generalstabes als Sicherheitsrisiko eingestuft, die nur begrenzt eingesetzt werden könnten. In einer Anweisung der Personaldivision aus den 1980er Jahren wurden Offiziere angewiesen, Soldaten, die als homosexuell bekannt waren, zu einer psychologischen Untersuchung zu schicken, sowie einer Sicherheitsprüfung zu unterziehen. Im Anschluss daran sollte dann über einen Ausschluss aus den Streitkräften, eine eingeschränkte Weiterverwendung oder eine umfassende Sicherheitsprüfung entschieden werden. „Unter keinen Umständen“, so heißt es in der Anweisung, „wird ein homosexueller Soldat während seines Pflichtdienstes für eine Aufgabe eingesetzt werden, die sicherheitssensitiv ist […].“

Das Thema wurde unter anderem zur schmutzigen Waffe im Kampf um den Posten des Generalstabschefs. Der amtierende Generalstabschef Rafael Eitan, der Dan Shomron, den Kandidaten um seine Nachfolge, nicht besonders mochte, ließ Verteidigungsminister Moshe Arens Mitteilungen zukommen, denen zufolge Shomron schwul sei. Der Ursprung dieses Gerüchtes war wohl die Bereitschaft Shomrons, einen offen schwulen Militärarzt in seiner Einheit zu akzeptieren, dem die Aufnahme in die Marine verwehrt worden war.
Shomron wurde nicht Generalstabschef, und einige Jahre später kehrte das Gerücht wieder zurück, als er sich erneut um den Posten bewarb. Doch dieses Mal wiesen Verteidigungsminister Yitzhak Rabin und Ministerpräsident Yitzhak Shamir die Vorwürfe zurück und setzten seine Ernennung durch.

Rabin war es auch, der 1993, während seiner Zeit als Ministerpräsident und Verteidigungsminister, eine Überprüfung der Anweisung des Generalstabs anordnete. 1993 sollte zum Schicksalsjahr für das Verhältnis von ZAHAL zu den Homosexuellen werden: Bei der ersten „Gay Pride Week“ wurde ein Soldat namens Yossi Mekyton fotografiert, wie er in einem symbolischen Akt in Uniform einem Schrank entstieg. Im Hebräischen wird wie im Englischen das Outing als „aus dem Schrank steigen“ bezeichnet. Mekyton wurde vor Gericht gestellt, zu 30 Tagen Haft auf Bewährung verurteilt und aus seiner Einheit ausgeschlossen.

Yossi Mekyton 2007 (Foto: Haaretz)

Die Affäre Mekyton zog eine stürmische öffentliche Debatte nach sich, in der es vor allem um den Dienst von Homosexuellen in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften ging. Im selben Jahr wurde auch Professor Uzi Even eingeladen, in der Knesset zu sprechen. Er berichtete davon, wie er nach seinem Outing aus dem Militärischen Geheimdienst entlassen worden war.

Die Rede Evens in der Knesset war der Auslöser für die Einsetzung einer Kommission durch Yitzhak Rabin, deren Empfehlungen angenommen und als neue Anweisungen von ZAHAL für den Umgang mit Homosexuellen umgesetzt wurden. Die Befreiung vom Armeedienst wurde ausgesetzt, von nun an sollten für Homosexuelle gleiche Rechte gelten. 1998 wurde auch diese neue Anweisung zurückgenommen, und seitdem gibt es keine Hinweise mehr auf eine offizielle unterschiedliche Behandlung von Menschen verschiedener sexueller Orientierung in der Armee.

Die offizielle Entscheidung der Armee stellte einen wichtigen Schritt im Kampf der Homosexuellen für das Recht auf Armeedienst dar. Doch die Diskriminierung war damit nicht vom einen auf den anderen Moment beendet, und ZAHAL brauchte noch einige Zeit, bis sie die Entscheidung verdaut hatte. Noch im Jahr 2000 wurden zwei Ausschlüsse von schwulen Soldaten und lesbischen Soldatinnen wegen homosexueller Akte verzeichnet – allerdings behauptete die Armee, sie seien ausgeschlossen worden, weil diese Akte auf Armeebasen stattgefunden hätten. Ein Jahr später wurde die Zeitung „Ba-Machane“, die 1993 stolz von einem Ende der Diskriminierung Homosexueller berichtet hatte, für zwei Wochen vom Obersten Bildungsoffizier geschlossen, nachdem auf ihrem Titelblatt ein hochrangiger Offizier zu sehen gewesen war, der sich geoutet hatte.

Doch trotz allem scheint es, dass parallel zum Wandel in der israelischen Gesellschaft gegenüber Homosexuellen und auch der Thematik Transgender auch bei ZAHAL heute eine sehr viel tolerantere Politik gilt. 1999 wandte sich ein Soldat an seine Vorgesetzten, zukünftig als Soldatin dienen zu dürfen, mit dem Argument, er sei „unter allen Aspekten eine Frau, nur nicht unter körperlichem Aspekt“. In einem aufsehenerregenden Schritt wurde seinem Antrag stattgegeben. Er erhielt die Genehmigung, eine Uniform für Soldatinnen zu tragen und wurde auf einen Posten versetzt, der Soldatinnen vorbehalten ist. Später wurde sein Antrag zurückgewiesen, sich noch während seines Militärdienstes einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen, und er verließ die Armee.

Im Juni 2009 veröffentlichte „Ba-Machane“ ein ausführliches Interview mit Major Yehoshua Gortler, Assistent der Militäranwaltschaft, Kippaträger und bekennender Schwuler. „Wir stehen heute an einem ganz anderen Punkt“, so Gortler in dem Interview. Er erzählte, dass er am Hilfstelefon der schwulen Community auf viele Soldaten getroffen sei, nicht wenige von ihnen in Kampfeinheiten. „Es gibt keinen Grund der Welt, warum es nicht einen schwulen Truppenchef, Regimentskommandeur oder Brigadechef geben sollte“, so Gortler. „Ich bin sicher, dass das alles bald viel offener wird, ganz ohne Fragezeichen“.

Doch bei aller Toleranz bleibt die Situation für Schwule in Kampfeinheiten schwierig. Immer wieder legen von Diskriminierung betroffene Soldaten Beschwerde bei der zuständigen Stelle ein. Ein Befehl oben ändert eben leider nicht gleichzeitig auch die gesellschaftliche Grundeinstellung. Umso wichtiger ist, dass ZAHAL weiter zu ihrer Politik der Toleranz steht. Zur Gay Pride Week 2012 postete das Büro des Sprechers auf der Facebook-Seite der Armee ein Foto von zwei Hand in Hand gehenden Soldaten.

(Nach einem Artikel auf mako, 06.07.11)
Aus dem Sondernewsletter der israelischen Botschaft

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