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§175 und der Rosa Winkel: Die letzten Überlebenden der NS-Schwulenverfolgung sterben

Die „Berliner Zeitung“ berichtete gestern vom Tod eines der letzten Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung Homosexueller…

Rudolf Brazda (98) gestorben

Im April 1937 wurde er in Leipzig zum ersten Mal zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. Vier Jahre später erneute Verhaftung, diesmal kam er ins Konzentrationslager
Buchenwald als einer von 650 Häftlingen mit dem rosa Winkel. Wie die anderen, hätte auch er im Steinbruch arbeiten müssen, aber er gefiel einem der Aufseher, der ihm eine Tätigkeit in der Sanitätsbaracke verschaffte.
Am 11. April 1945 wurde das Lager von den Alliierten befreit, Brazda verließ Deutschland, ging nach Frankreich und ließ sich in Mulhouse in seinem erlernten Beruf als Dachdecker
nieder. Dort traf er auch seinen späteren Lebensgefährten Edouard Mayer. Die beiden blieben ein Paar bis zu Edouards Tod 2003.

Wie fast alle anderen nach dem Paragraf 175 verurteilten Homosexuellen hat Rudolf Brazda nie eine Wiedergutmachung erfahren, keine Entschädigung, nichts. Im Gegenteil, der verhasste Paragraf 175 blieb in Deutschland noch gültig bis fast 30 Jahre nach Kriegsende.

Eine letzte Ehre wurde Brazda allerdings in seiner Wahlheimat zuteil, wo er am 28. April 2010 die höchste Auszeichnung Frankreichs, den Orden der Ehrenlegion, erhalten hat.

Die BZ fragt, wie viel Angst homosexuelle Männer, die in dieser Zeit gelebt haben, wohl gehabt haben müssen, so dass sich auch in der Zeit nach 1945 nur so wenige öffentlich zu Wort meldeten und auf das NS-Unrecht und die Folgen des §175 hinwiesen. Rudolf Brazda war einer von ihnen. Am 3. August 2011, einem Mittwoch, ist er im Alter von 98 Jahren in einem Krankenhaus in Bantzenheim (Frankreich) gestorben.

Sein Angedenken sei in Ehren

Quelle: Berliner Zeitung Nr. 181/2011 vom 05.08.2011, S.5

2 comments to §175 und der Rosa Winkel: Die letzten Überlebenden der NS-Schwulenverfolgung sterben

  • efem

    Möge auch Rudolf Brazda unvergessen bleiben und posthum in seinem Angedenken die Welt gemahnt sein, Menschlichkeit vor Unrecht zu setzen.

    Es ist den nach der Befreiung sich zunächst mit dem Ziel einer wie auch immer gearteten „Entschädigung“ bildenden Zusammenschlüssen der durch die Nationalsozialisten Verfolgten unisono vorzuwerfen, dass sie sich um bestimmte Opfergruppen nicht oder nur, wenn schon, sehr spät und ziemlich halbherzig (von den öffentlichen Verwaltungen sowieso ganz zu schweigen) kümmerten: als da sind die sog. „Arbeitsscheuen“ bzw. „Asozialen“ (sie wurden in den KZs durch schwarze Winkel gekennzeichnet), die „Bibelforscher“ (dunkelvioletter Winkel), Homosexuelle (hellviolette Winkel).

    Allein die Bibelforscher und etwas später die Homosexuellen lehnten sich auf.

    Schon in den Lagern hatten sie keine Lobby, wurden von den andern Gefangenen in trauter Gemeinsamkeit mit den Nazis ausgegrenzt, verhöhnt, geschunden. Das war ganz im Sinne der Braunen, möglichst keine übergreifende Solidarität unter ALLEN Lagerinsassen zuzulassen. Dass allerdings dies Prinzip nach ihrer Niederlage quasi fortbestand, ist unentschuldbar und zeigt lediglich, wie tief Vorurteile und Stereotype in uns verwurzelt sind.

    Ein großes Lob dem Prager Bürgermeister – und natürlich haGalil, das den Artikel der BZ hier verbreitet hat.

  • Arno

    Stolpersteine: auch in München!

    Offener Brief von schwulen und lesbischen Münchnern an OB Christian Ude

    Stolpersteine wahren das Gedenken an alle Opfer des Naziterrors.

    Vertreter aller Opfergruppen sprechen sich für die Verlegung von Stolpersteinen auch in München aus.

    Folgender Offener Brief ging an den Münchener OB Christian Ude:

    Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Christian Ude,

    im Namen von einigen tausend schwulen und lesbischen Münchner Bürgern bitten wir durch Stadtratsbeschluss zu genehmigen, dass der in der „Hauptstadt der Bewegung“ verhafteten und deportierten Homosexuellen durch Stolpersteine gedacht werden darf, ein Beschluss, der längst überfällig ist.

    Sie wissen, dass diese Genehmigung in allen anderen Städten der Bundesrepublik eine Selbstverständlichkeit ist.
    Sie wissen, dass der Hersteller Gunther Demnig durch nationale wie internationale Auszeichnungen – unter anderen durch das Bundesverdienstkreuz – geehrt wurde.
    Diese Messingplatten, die vor den früheren Wohnhäusern in den Bürgersteig eingelassen werden, nennen neben den Namen die Geburts- und Todesdaten.

    Fast jeder, der auf diese Stolpersteine stößt, wird nachdenklich. Diese Möglichkeit zu einem respektvollen und nachhaltigen Gedenken fordern wir für München ein.

    Wir hoffen auf eine baldige und positive Antwort.

    Mit freundlichen Grüssen
    Albert Knoll

    Eine Liste der Erstunterzeichner ist angeheftet.

    Erstunterzeichner:
    Knoll Albert, Gedenkstätte Dachau
    Raymon Harry, Schauspieler
    Reichold Klaus, Historiker, Autor
    Endl Thomas, Regisseur, Autor
    Kohts Martin, Architekt
    Holzapfel Dietmar, Deutsche Eiche
    Sattler Sepp, Deutsche Eiche
    Stempel Hans, Autor
    Müller, Bernd, Redaktionsleiter LEO
    Martin Levec, Galerie Kunstbehandlung
    Leske, Jürgen, Rechtsanwalt, Wirtschaftsjournalist
    Dr. Wasmuth, Johannes, Rechtsanwalt
    Miklosy, Alexander, Rosa Liste
    Dr. med. Eberhard Koll, Allgemeinarzt
    Enrique Santoyo, Lektor
    Peter Jungblut, BR, Kultur Aktuell
    Christian Schultze, Geschäftsführer SUB
    Sebastian Kühnen, evangelischer Pfarrer
    Helga Heumann, Vorstand Rosa Liste
    Karin Willers, Vorstand Rosa Liste
    Karl-Heinz Krämer, Direktor Bayerische Staatsoper

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