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Probleme der männlichen homosexuellen Entwicklung

SexualmedizinDie Überzeugung, jene Form der Sexualität, die mit bewusst wahrgenommenen gleichgeschlechtlichen Phantasien und einer präferierten oder ausschließlichen Wahl gleichgeschlechtlicher Sexualobjekte einhergeht, sei eine abgegrenzte klinische Entität. hat Ärzten. Psychotherapeuten und Psychoanalytikern über Jahrzehnte hinweg den Blick auf ihre Patienten verstellt…

Von Martin Dannecker in Sexuelle Störungen und ihre Behandlung (Hsg. Volkmar Sigusch, Nikolaus Becker)

Aber auch auf jene homosexuellen Männer, die wegen ihrer sexuellen Objektwahl nie um therapeutische Hilfe nachsuchten, wirkte sich die mit diesem Konstrukt einhergehende Pathologisierung fatal aus. Weil dieses Konstrukt schon vorzeiten dem engen Bereich der Klinik entsprungen ist und zur allgemeinen Auffassung über Homosexualität avancierte, wurden alle homosexuellen Männer, unabhängig davon, wie sie sich fühlten, wie sie lebten und liebten, als krank angesehen. Sie waren, solange die bloße Präferenz für gleichgeschlechtliche Sexualobjekte als Krankheit oder als Zeichen einer Krankheit galt, gleichsam mit eingespannt in jenen Zirkel, in den die klinische Theorie der Homosexualität über lange Zeit ausweglos verstrickt war.

Der Wille zur Psychopathologisierung

Bis zum Jahr 1973, in dem sich die American Psychiatric Association (APA) zu dem Entschluss durchrang, die Homosexualität zu entpathologisieren und aus dem DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), dem auch hierzulande zu Rate gezogenen psychiatrischen Krankheitsregister, zu streichen, war die Gleichsetzung von Homosexualität mit Krankheit unter Ärzten, Psychotherapeuten und Psychoanalytikern gängige und kaum kritisierte Lehrmeinung. In den Ausschussdebatten, die der Entscheidung der APA vorausgingen, schwang sich die zirkuläre klinische Lehre über Homosexualität noch einmal zu den ihr eigentümlichen Höhen auf. Eine detaillierte Darstellung und kritische Kommentierung der Ausschussdebatten hat Kenneth Lewes (1988) vorgelegt. Vertreten wurde diese Lehre vor allem von Irving Bieber und Charles W. Socarides, zwei prominenten und mit einschlägigen Publikationen hervorgetretenen Psychoanalytikern. Beide haben in dieser Debatte vehement die Auffassung vertreten, die homosexuelle Objektwahl sei Symptom einer schweren psychischen Störung.

Socarides. der seit dem Erscheinen seiner Monografie „The Overt Homosexual” (1968) neben Bieber als führender psychoanalytischer Theoretiker der Homosexualität galt (vgl. vor allem Bieber et al. 1962), verteidigte seine Überzeugung unter anderem mit seinen jahrzehntelangen klinischen Erfahrungen mit homosexuellen Patienten. Andere als schwer gestörte homosexuelle Männer hat Socarides während dieser Zeit offenbar weder gesehen noch behandelt. Deshalb wollte er auch Sätze wie die folgenden als Essenz seiner klinischen Erfahrung betrachtet haben. Sätze, die aus einer weniger einseitigen klinischen Perspektive freilich nicht anders denn als Verdikt über homosexuelle Männer gelesen werden können: „Die Homosexualität beruht auf der Furcht vor der Mutter und auf dem aggressiven Angriff gegen den Vater; sie ist voll von Aggression, Destruktion und Selbstbetrug. Es ist eine Maskerade des Lebens… Anstelle von Einigkeit., Kooperation, Trost, Anregung, Bereicherung, gesunder Herausforderung und Erfolg finden wir nur Destruktion, wechselseitige Niederlagen, Ausbeutung des Partners wie der eigenen Person, oralsadistische Inkorporation, aggressive Attacken, Versuche, die Angst zu beschwichtigen, sowie eine Scheinlösung für die aggressiven und libidinösen Impulse, die das Individuum beherrschen und quälen” (Socarides 1971: 22).

Schon an der schäumenden Sprache seiner Monografie lässt sich ablesen, welcher Wille zur Pathologisierung Socarides angetrieben haben muss. Einem solchen Willen muss die mehrfache Begrenztheit der klinischen Erfahrung entgehen. Begrenzt ist diese einerseits durch den banalen Umstand, dass Ärzte und Psychoanalytiker nur über solche Homosexuellen sprechen können, die zu Patienten geworden sind, nicht aber über jene, die nie im Zusammenhang mit ihrer Homosexualität um ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe nachsuchten. Ausschlaggebender für die Beschränktheit der klinischen Erfahrung ist freilich der individuelle „Bias”, der durch die persönlichen Vorlieben und Abneigungen und die theoretischen Vorannahmen des jeweiligen Analytikers gesetzt wird. Die individuelle Zurichtung des Behandlers hat auf die Auswahl der von ihm in Behandlung genommenen Patienten einen entscheidenden Einfluss. Der Auswahl der Patienten durch die Analytiker korrespondiert die keineswegs zufällige Wahl eines bestimmten Analytikers durch die Patienten. Es ist dann auch durchaus wahrscheinlich, dass sich schwer gestörte homosexuelle Patienten solche Psychoanalytiker oder Psychotherapeuten suchen, die psychische Gesundheit mit der Abwesenheit von homosexuellem Verhalten gleichsetzen und es als Ziel einer Behandlung ansehen, die Homosexualität zu beseitigen und den leidenden Homosexuellen zur Heterosexualität zu verhelfen. Die durch solche und andere Voraussetzungen zustande kommende Kanalisierung von Patienten und ihr Einfluss auf die Theoriebildung ist in der bisherigen klinischen Literatur nur sehr unzureichend reflektiert worden.

Es ist aber nicht nur die fehlende Reflexion der Begrenztheit der klinischen Erfahrung, die zu unhaltbaren Generalisierungen führt. Befördert werden solche Generalisierungen durch eine klinische Kultur, in der die Homosexualität als eine substanzielle Kategorie gilt. Weil im Gegensatz dazu die Heterosexualität keine Kategorie darstellt, der irgendetwas Substanzielles anhaftet (vgl. Dannecker 1994. Hirschauer 1992), finden sich auch in der gesamten klinischen Literatur keine entsprechenden Schlüsse aus psychotherapeutischen Behandlungen von heterosexuellen Patienten auf die psychische Verfasstheit heterosexueller Menschen bzw. der Heterosexualität. Würde jemand ernsthaft einen solchen Versuch unternehmen, würde sich im Unterschied zur Homosexualität sogleich das Unhaltbare bzw. im Wortsinne Ver-rückte einer solchen Vorgehensweise zeigen. Jedem würde sofort deutlich werden, dass eine abstrakte Kategorie keine Psyche haben kann. Das gilt selbstverständlich auch für die Homosexualität. Auch sie verfügt nicht über eine Psyche und kann folglich auch nicht mit Aggression, Destruktivität und Selbsttäuschung angefüllt sein. Über solche Eigenschaften können nur Individuen verfügen, und wenn sie das tun, dann stehen diese Eigenschaften nicht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit ihrer sexuellen Objektwahl. Da aber die Homosexualität nun einmal als eine substanzielle Kategorie mit fest zugeschriebenen Qualitäten benutzt wird, ist die Auffassung von Socarides nicht als ver-rückt zu bezeichnen. Sie ist Ausdruck eines immer noch nicht abgetragenen inversen Denkens über Homosexualität.

Die Differenz, welche zwischen der Kategorie Homosexualität und der Kategorie Heterosexualität besteht, drückte sich unter der Herrschaft dieses Denkens im klinischen Alltag größerer psychotherapeutischer Einrichtungen darin aus, dass es als ausreichend angesehen wurde, wenn auf die beiläufige, in einer Pause gestellte Frage „Was für einen Patienten hast du gerade gesehen?“ als Antwort nicht mehr folgte als ein schlichtes „Einen Homosexuellen“. Eine solche Art und Weise der Kommunikation funktioniert nur über das von den Kommunikationspartnern geteilte Vorverständnis über die Substanzialität der Kategorie Homosexualität. Dieses Vorverständnis ermöglicht es ihnen, sich das der Homosexualität an generellen Qualitäten und Eigenschaften Zugeschriebene assoziativ zu vergegenwärtigen. Die vergleichsweise substanzlose Kategorie Heterosexualität verunmöglicht im Falle eines heterosexuellen Patienten eine analoge Verständigung im klinischen Alltag.

Erschwert wurde und wird die Einsicht der Psychoanalyse und der Medizin in die Unnahbarkeit ihrer generellen Psychopathologisierung der Homosexualität zudem noch durch den diesen wissenschaftlichen Branchen eigentümlichen Blick auf die Menschen, der zugleich ein berufliches Erfordernis und eine „deformation professionelle” darstellt. Dieser Blick ist völlig einseitig auf das Erkennen von psychischen oder physischen Störungen konzentriert. Er folgt der allgemeinen Logik ärztlichen und psychotherapeutischen Handelns, die unter der Herrschaft des Gestörten steht. Zwar ist es das Ziel ärztlichen und psychotherapeutischen Handelns, Gesundheit und Ungestörtheit herzustellen. Es gehört jedoch zu den Paradoxien ärztlichen und psychotherapeutischen Handelns, dass es ganz und gar auf Krankes und Gestörtes bezogen bleibt und sich ihm Gesundes und Ungestörtes entzieht. Der dieser Handlungslogik entsprechende Blick ist, weil er auf Alltägliches und Normales nicht eingestellt ist, als psychopathologischer Blick zu bezeichnen. Kenntlich wird diese Optik auch an dem gegenwärtig ablaufenden Gesunderhaltungsdiskurs. Konstitutiv für diesen Diskurs sind Krankheiten, die vermieden werden sollen. Folglich zielt er darauf ab, bei seinen Adressaten ein Bewusstsein für Krankmachendes zu implantieren. Dass Psychoanalytiker an ihren Patienten, seien sie nun heterosexuell oder homosexuell, vornehmlich Gestörtes wahrnehmen und, wenn sie über diese berichten, deren Störungen in den Vordergrund stellen, ist demnach ein nach den Regeln der ärztlichen Kunst ablaufender Vorgang. Der qualitative Umschlag, der aus Patienten mit einer gleichgeschlechtlichen Objektwahl etwas ganz anderes macht als aus jenen mit einer gegengeschlechtlichen, wird bewerkstelligt durch die vorgängige kategoriale Trennung der sexuellen Formen bzw. Orientierungen.

Wo die strikte kategoriale Trennung zwischen Homo-und Heterosexualität klinisches Handeln und Denken organisiert, ist dem Verblendungszusammenhang, welcher der Homosexualität Krankheit und der Heterosexualität Gesundheit supponiert, nicht zu entgehen. Unter solchen Voraussetzungen wird jeder Bericht über die Behandlung eines homosexuellen Patienten zu einem weiteren Scheinbeweis für die vorweg angenommene generelle Pathologie der Homosexualität. Dass es in der Debatte der APA gelungen ist, diesem Verblendungszusammenhang zu entgehen und dem zirkulären Denken auf die Schliche zu kommen, muss angesichts der bis in die Gegenwart hinein virulenten Ambivalenz gegenüber der Homosexualität überraschen. Denn weder die APA-Entscheidung, die Homosexualität aus der Liste der seelischen Störungen zu streichen, noch die seitherige Diskursivierung der Homosexualität als ein vielfältig zerstreutes sexuelles Normalphänomen durch die Sexualwissenschaft, die Soziologie und die aufgeklärtere Öffentlichkeit haben die Pathologisierung der Homosexualität abzutragen vermocht.

Nicht zuletzt innerhalb der Psychoanalyse wurde und wird die Homosexualität als ein spezifisches Krankheitsbild betrachtet. So hat sie beispielsweise Peter Kutter in der von Wolfgang Loch herausgegebenen ..Krankheitslehre der Psychoanalyse” unter dem Rubrum „Sonstige psychiatrische Krank heitsbilder” abgehandelt. Allein diese Systematik tradierte die unhaltbare Pathologisierung der Homosexualität. Daran vermochte auch die der Neuauflage des Jahres 1989 hinzugefügte Vorbemerkung zu dem bisherigen Text nichts zu ändern. Diese wohl als Reflex auf die auch innerhalb der Psychoanalyse vereinzelt vorgetragene Kritik an der Pathologisierung der Homosexualität verfassten Zeilen sind, bringt man sie mit dem Haupttext Kutters zum Thema zusammen, vielmehr beispielhaft für das von Angst, Konventionalität und inkonsistentem Denken gekennzeichnete Verhältnis der Psychoanalyse zur Homosexualität. In der Vorbemerkung wird die generelle Pathologisierung der Homosexualität immer wieder gelockert, allerdings nur, um anschließend erneut bestätigt zu werden. Das in ihr enthaltene Zugeständnis des Autors, – dass es Menschen gibt, die in freier Entscheidung homosexuell leben, dabei aber ebenso wenig gestört sein müssen, wie sich heterosexuell verhaltende Menschen” (Kutter 1989: 262), erweist sich angesichts der im Hauptteil des Textes aufgestellten Behauptungen und Generalisierungen als bloße Mimikry, mit der unaufmerksame Leser getäuscht werden sollen.

In dem seit der dritten Auflage im Wesentlichen unveränderten Haupttext wurde unter anderem Folgendes ausgeführt: „Wenn wir auch nicht, wie in der zweiten Auflage dieses Beitrags, Ich-Störungen und Objektabhängigkeit des Homosexuellen den zu Schizophrenie disponierten Persönlichkeiten gleichsetzen wollen, so sind wir mit C. W. Socarides […] der Meinung, dass der Homosexualität zumindest eine narzisstische .Persönlichkeits-Struktur’ zugrunde liegt” (ebd.: 263: Hervorheb. M. D.). Wenn aber der Homosexualität als solcher eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur und anderes mehr zugrunde liegt, das Kutter freilich im Dunkeln lässt, dann ist das für die Psychoanalyse gleichbedeutend mit einer mit der Homosexualität verschwistertcn Pathologie. Anders hat Socarides, auf den sich Kutter stützt, auch nicht argumentiert. Wäre das aber so, dann könnte es die ungestörten Homosexuellen, die Kutter sich in seiner Vorbemerkung vom Zeitgeist abringen ließ, nicht geben.

In der neuesten, im Jahr 1999 erschienenen Auflage des von Loch begründeten Lehrbuchs erfährt die Homosexualität einen bemerkenswerten Umschwung. In dem jetzt von Kutter gemeinsam mit Thomas Müller verfassten Kapitel „Psychoanalyse der Psychosen und Persönlichkeitsstörungen” kommt die Homosexualität nicht mehr vor. Allerdings fehlt auch eine Auseinandersetzung mit der bisher von Kutter vertretenen psychopathologisierenden Theorie. Das Problem Homosexualität wurde sozusagen zum Verschwinden gebracht. Gleichzeitig wird durch die fehlende Auseinandersetzung mit der bisher in diesem Kapitel vertretenen Auffassung der Eindruck erweckt, als ob es für Kutter nie eines gewesen wäre, eine Umgangsweise, die dem Abwehrmechanismus des Ungeschehenmachens gleicht. Die obsolete und seit ihren Anfängen mit den gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen paktierende Psychopathologisierung der Homosexualität bleibt der psychoanalytischen Lehre gleichwohl erhalten. Abzulesen ist das an dem in die aktuelle Auflage neu aufgenommenen Kapitel „Die psychoanalytische Krankheitslehre bei Kindern und Jugendlichen” von Alex Holder. In diesem wird die Homosexualität aus der Perspektive von Jugendlichen thematisiert und systematisch und theoretisch in der bis zur vorletzten Auflage des Lochschen Lehrbuchs von Peter Kutter vertretenen Weise abgehandelt.

Angesichts solcher Merkwürdigkeiten stellt sich die Frage, warum sich unter den psychologischen Schulen gerade die Psychoanalyse so schwer damit tut, sich von der Psychopathologisierung der Homosexualität zu verabschieden. Neben vielen anderen Gründen hat das auch einen wissenssoziologischen Grund. Die Psychoanalyse verfügt unter den psychologischen Schulen über den ausgefeiltesten Korpus psychopathologisierender Theorien der Homosexualität. An diesen schließen Autoren und Autorinnen, die wenig oder keine Erfahrung mit der Behandlung homosexueller Patienten haben, immer wieder an und schreiben mehr oder weniger ungebrochen die schlechte psychoanalytische Tradition „Pathologisierung der Homosexualität“ fort. Auf Freud kann sich diese nicht berufen, denn dieser war, wie sich schon in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ zeigt, in dieser Frage zeitlebens ambivalent (Dannecker 2006).

Ein frühes Selbstbild der Homosexuellen

Weiter oben war beiläufig die Rede von der Homosexualität als einem vielfältig zerstreuten sexuellen Normalphänomen. Das konnte so verstanden werden, als ob es unter den gegenwärtigen Bedingungen keinen Unterschied mehr mache, ob einer homosexuell oder heterosexuell ist. Gewiss wird gegenwärtig in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen zwischen einem erwachsenen heterosexuellen und einem erwachsenen homosexuellen Mann weniger scharf unterschieden als noch vor einigen Jahrzehnten. Die weniger scharfe Akzentuierung der Grenzen zwischen heterosexuellen und homosexuellen Lebensformen, zwischen erwachsenen heterosexuellen und erwachsenen homosexuellen Männern kann Jedoch nicht über die unterschiedlichen lebensgeschichtlichen Erfahrungen von jemandem, der homosexuell, und jemandem, der heterosexuell geworden ist, hinwegtäuschen. Gemeint sind damit nicht die selbstverständlichen lebensgeschichtlichen Differenzen, die sich aus den jeweils unterschiedlichen Biografien ableiten lassen, sondern Differenzen, die insofern allgemeiner sind, als sie sich nicht von der Entwicklung zur Homosexualität bzw. Heterosexualität und den stereotypen gesellschaftlichen Reaktionen auf diese ablösen lassen.

Im Folgenden möchte ich den Versuch machen, eine Phase in der Entwicklung des homosexuellen Mannes zu beschreiben, die mit differenten Erfahrungen einhergeht und zu einem konflikthaften Selbsterleben führen kann. Diese Phase ist nicht zuletzt deshalb von zentraler Bedeutung, weil sie das Verhältnis der homosexuellen Männer zu ihrer Sexualität und – vermittelt darüber – zu sich selbst nachhaltig beeinflusst. Die Vorgänge, die ich darstellen möchte, hängen zwar eng mit der homosexuellen Entwicklung und den gesellschaftlichen Reaktionen auf sie zusammen. Schwierigkeiten, sie als spezifisch für die Entwicklung homosexueller Männer nachzuvollziehen, dürften sich jedoch dadurch ergeben, dass sie in der lebensgeschichtlichen Phase, in der sie ablaufen, nicht als mit der homosexuellen Entwicklung im Zusammenhang stehend erlebt werden. Das unterscheidet diese Phase der homosexuellen Entwicklung von jener markanten, frühestens in der Pubertät einsetzenden, als Coming-out bezeichneten Entwicklungsphase. Während des Coming-out, so wurde bisher angenommen, wird die Homosexualität zum ersten Mal bewusstseinsfähig und offenbar. Gleichzeitig kommt es wählend des Coming-out zur ersten Konfrontation der homosexuellen Triebwünsche mit der sozialen Umgebung, in der der Homosexuelle lebt, und zu ersten gezielten Reaktionen dieser sozialen Umgebung auf seine Homosexualität (vgl. Dannecker u. Reiche 1974: 23 ff}- In dieser Phase geht es ferner, wie das Fritz Morgenthaler (1980: 359) ausdrückte, um die „direkte Konfrontation der Homosexualität […] mit dem verinnerlichten Bild der eigenen Person”.

Um einen prägnanten Teil dieses verinnerlichten Bildes, mit dem der homosexuelle Mann ins Coming-out eintritt, und um die Periode der Konturierung dieses inneren Bildes soll es im Folgenden gehen. Dass es entscheidend von diesem Bild abhängt, wie das Coming-out verläuft und erlebt wird, ist daran abzulesen, dass diese Phase der homosexuellen Entwicklung gegenwärtig kaum weniger konflikthaft erlebt wird, als das Anfang der 1970er Jahre der Fall war. Die Vermutung, dass durch die Veränderungen der gesellschaftlichen Stellung des homosexuellen Mannes und die strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen der Sexualität diese als identitätsstiftender Faktor ausgedient habe und sich das Coming-out gleichsam auflöse (vgl. Hegener 1992). lässt sich nach meinen klinischen Erfahrungen und nach eigenen, bisher unveröffentlichten empirischen Resultaten nicht bestätigen. Immer noch fällt es den Homosexuellen im Coming-out schwer, ihre Sexualität ohne Konflikte anzunehmen, und das auch dann, wenn sie meinen oder zu wissen glauben, dass ihre signifikanten Anderen (z. B. ihre Eltern) homosexuelle Männer nicht ablehnen.

Eine Vorahnung von den Konturen des Bildes, mit dem in das Coming-out eingetreten wird, und zugleich von der Periode der Internalisierung dieses Bildes vermitteln die Erzählungen homosexueller Männer über den Anfang ihrer Homosexualität. Sie berichten von lange vor der Pubertät aufgetretenen Schwärmereien für oder gar Verliebtheiten in Männer bzw. ältere oder gleichaltrige Jungen. Und sie erinnern sich häufig an das prägnante Gefühl, „schon immer anders als andere Jungen gewesen zu sein”. Solche Erinnerungen reichen normalerweise bis in die ödipale Phase zurück. Referenz für ihr Gefühl des Andersseins ist das jeweils geläufige Stereotyp von Jungenhaftigkeit. Folglich wird dieses Gefühl an ganz handfesten Differenzen zwischen dem Verhalten gleichaltriger Geschlechtsgenossen und ihrem eigenen Verhalten im Kindes- und frühen Jugendalter festgemacht. Während jene vergnügt mit ihren Vätern oder mit anderen Jungen Fußball spielten, ihrem Vater begeistert bei irgendwelchen im Haus anfallenden Reparaturen halfen, mit anderen Jungen rauften und grob mit diesen umgingen, hielt sich der werdende Homosexuelle aus solchen Aktivitäten möglichst heraus. Diese gleichsam negative Referenz zu den kulturellen Manifestationen von Männlichkeit wird nicht selten durch eine positive Referenz zu den kulturellen Manifestationen von Weiblichkeit ergänzt. Nicht dass der prähomosexuelle Junge unbedingt mit Puppen spielte oder dies wünschte, obwohl auch das gar nicht so selten ist. Lieber als an den als typisch männlich geltenden Aktivitäten hat er sich jedoch an dem. was als typisch weiblich gilt, beteiligt und/oder sich in Weibliches hineinphantasiert.

Das Problem mit der Weiblichkeit

Geschichten solchen oder ähnlichen Inhalts, die, in unterschiedlicher Abstufung, zwischen einer reduzierten Begeisterung für typisch Jungenhaftes bzw. Männliches und einer heftigen Abneigung gegen die mit Männlichkeit verknüpften Aktivitäten oszillieren und die zugleich eine Affinität für mit Weiblichkeit verbundene Tätigkeiten und Phantasien erkennen lassen, sind von homosexuellen Männern so oft zu hören, dass sie als typisch für prähomosexuelle Jungen angesehen werden können. Alan P. Bell, Martin S. Weinberg und Sue K. Hammersmith haben in einer empirischen Studie von homosexuellen und heterosexuellen Männern und Frauen die Konformität mit geschlechtsspezifischen Aktivitäten und Wünschen während der Kindheit rekonstruiert. Dabei haben sie den Kindheitsroman der homosexuellen Männer im Wesentlichen wiedergefunden. Zusammenfassend stellen sie fest: „Im allgemeinen bestätigen unsere Ergebnisse die anderer Untersuchungen, dass nämlich prähomosexuelle Jungen weniger ‚maskulin‘ als prähetero-sexuelle Jungen sind, zumindest was ihre Selbsteinschätzung anbelangt” (Bell et al. 1981: 93}. Zeigen konnten diese Autoren ferner, dass eine „mangelnde Geschlechtskonformität” während des Heranwachsens außerordentlich stark mit der Homosexualität des Erwachsenen verknüpft war (ebd.: 92).

„Mangelnde Geschlechtskonformität” während der frühen Kindheit scheint demnach bei Jungen den Rang eines Prädiktors der späteren Homosexualität zu haben (vgl. hierzu auch die kulturvergleichenden Studien an homosexuellen Männern von Whitam 1980 sowie Whitam u. Zent 1984). In diese Richtung deuten auch die von Richard Green (1987) publizierten Ergebnisse einer Follow-up-Studie von im Kindesalter auffällig femininen Jungen. In dieser Studie von 44 Jungen im Alter zwischen vier und zwölf Jahren mit „extensivem Cross-gcnder behavior zeigte sich, „dass drei Viertel nach einem Follow-up von 15 Jahren homosexuell oder bisexuell waren. Dagegen war nur einer der 35 Jungen, deren frühes Verhalten konventionell männlich war, später bisexuell” (Green 1992: 53).

Seite 58

Sexuelle Störungen und ihre Behandlung – von Volkmar Sigusch, Nikolaus Becker – 2006 – Psychology – 390 Seiten
sehr zu empfehlendes Grundlagenbuch zu Sexualmedizin und Psychotherapie.

Folgende in der Praxis vorkommenden Probleme werden ausführlich behandelt: Partnerschaftskonflikte und sexuelle Funktionsstörungen; konflikthafte heterosexuelle, homosexuelle, perverse und transsexuelle Entwicklungen; Geschlechtsidentitätsstörungen im Kindes- und Jugendalter; sexueller Mißbrauch, sexuelle Gewalt, Sexualdelinquenz. Körpermedizinische Verfahren (Schwellkörper-Autoinjektionstherapie, Antihormon-Behandlung u.ä.) werden ebenso erörtert wie alle relevanten psychotherapeutischen Verfahren.

Volkmar Sigusch ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft der Universität Frankfurt am Main. Er ist heute einer der angesehensten Sexualwissenschaftler und gilt als Pionier der deutschen Sexualmedizin und Begründer der Kritischen Sexualwissenschaft. Sein Lehrbuch “Sexuelle Störungen und ihre Behandlung” gilt als Standardwerk der Sexualmedizin und Psychotherapie.

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