Werbung

Im Archiv suchen:

Bücher suchen:

Privatsache in Bulgarien: Tolerante Tradition

Was wir auch tun – niemand will uns diskriminieren!« Dessislava Petrova ist fast ein bisschen beleidigt. Sie und ihre Freundin Aksinia Gencheva geben sich alle Mühe, die Toleranz ihrer Mitbürger auf die Probe zu stellen…

Der Osten wird rosa: Die Schwulen und Lesben in Osteuropa bewegen sich zwischen Übergriffen von Rechtsextremen, einem Leben im Geheimen und einem sanften Coming Out. Aktuelle Momentaufnahmen aus fünf Staaten des ehemaligen Ostblocks.

Händchenhaltend und turtelnd ziehen sie durch die Straßen Sofias. Seit im Januar dieses Jahres das erste Antidiskriminierungsgesetz Bulgariens in Kraft trat, wartet Dessislava auf den ersten »positiven« Fall. Dass es bis dato noch keine Eingabe vor Gericht gibt, liege jedoch nicht am toleranten Verhalten der bulgarischen Bevölkerung, erklärt Dessislava, sondern schlicht und einfach daran, dass kaum jemand sich geoutet habe und bereit sei, sich öffentlich zu verteidigen.

Homosexualität wird in Bulgarien nur langsam zum Thema. Einschlägige Medienstars, die sich zur Homosexualität bekennen, gibt es bis jetzt gerade mal zwei: Dessislava und Aksinia. Das Pärchen war im letzten Halbjahr in sämtlichen bulgarischen Fernsehtalkshows zu Gast, und auch die Zeitungen zeigten Interesse am Privatleben der beiden Frauen. Reportagen mit Titeln wie »Ich liebe sie nicht deshalb, weil sie Brüste hat« nehmen sie gelassen zu Kenntnis. Während sich das Pärchen alle Mühe gibt, seinen subversiven Bildungsauftrag zu erfüllen, kommt es für die überwiegende Mehrheit nicht in Frage, ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu machen.

In Bulgarien wird man gerne über den angeblich eklatanten Unterschied zwischen Provinz und Hauptstadt informiert. In punkto Gay-Lifestyle könnte das zumindest zutreffen. So kann es passieren, dass man in einer Wohnung in irgendeinem Viertel Sofias landet und plötzlich eine allzu bekannte Szene präsentiert bekommt: Herausgeputzte Jünglinge feiern das Geburtstagsfest eines Freundes, sprechen einander liebenswürdig mit »Schwester« oder »Tante« an und tauschen Klatschgeschichten aus.

Im Nebenzimmer läuft eine CD mit laszivem Orientalpop von Azis, einer übergewichtigen einheimischen Kopie von Tarkan. Einzig das Büffet mit den üppigen Köstlichkeiten und der Umstand, dass die Partygäste plötzlich den Nationaltanz Horo aufs Parkett legen, wollen nicht so ganz in den gewohnten Kontext passen. BulGAYria ist eben doch ein bisschen anders.

jutta sommerbauer, sofia

Leave a Reply

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>